BOSS91021. April 2009. Dienstag, 2:45 Uhr.Ein schriller Ton schreckt mich aus dem Tiefschlaf auf. Der Feuerwehr-Piepser hat ausgelöst und wird in den ersten paar Sekunden durch ein schrilles Pfeifen der Ladestation verstärkt.

Ich springe aus dem Bett und eile die Treppe vom Schlafzimmer ins Erdgeschoss hinunter. Im Büroschrank wartet das Stiefelpäckchen und auch ein Paar Socken. Eiligst stülpe ich mir die Socken über die nackten Füße und steige in die Stiefel. Da die Einsatzhose über die Stiefel gestülpt ist, muss ich nur noch die Hose hochziehen und den Gürtel schließen.

„Ist Papa noch da?“ höre ich meinen Sohn fragen. Ich will an diesem Dienstag nach Frankfurt an meinen Arbeitsplatz fahren und stehe üblicherweise kurz vor 5 Uhr auf.

Es ist kalt. Ich werfe mir noch die Wollweste über und nehme den Piepser aus der Ladestation. Meine Frau steht mittlerweile ebenfalls im Erdgeschoss und gibt mir meine Schlüssel. „Passt auf!“ ruft sie uns besorgt nach. Mein Sohn sitzt bereits im Auto. Der Motor läuft als ich einsteige.

In flotter Fahrt geht es durch die leeren Straßen. Ich ermahne den Fahrer zu Vorsicht, insbesondere an den Kreuzungen. Während der Fahrt nehme ich bereits den Schlüssel zum Feuerwehrhaus in die Hand. „Was ist los?“ fragt mein Sohn. „Ich weiß es nicht, ich kann das Display ohne Brille nicht lesen. “ Vorsorglich habe ich eine Lesebrille in meiner Einsatzjacke im Feuerwehrhaus deponiert.

Bei der Anfahrt zum Feuerwehrhaus sehen wir, dass es dort noch dunkel ist. Kurz vor dem Ziel überholen wir einen Kameraden. Er wohnt in unmittelbarer Nähe des Feuerwehrhauses und legt die Strecke zu Fuß zurück. Wir haben Glück. In der ersten Parkbucht, direkt am Glascontainer, finden wir noch einen freien Parkplatz. Wir rennen über die Straße zum Nebeneingang.

„Zum Glück habt Ihr einen Schlüssel. Ich habe meinen vergessen.“ empfängt uns der rennende Kamerad an der Türe. Ich betätige mit dem Schlüssel den Schlüsselschalter für die Alarmbeleuchtung. Das Licht im gesamten Feuerwehrhaus und der Ausfahrt flackert kurz auf und geht gleich wieder aus. Ein anderer Kamerad am Haupteingang hat gleichzeitig den dortigen Schlüsselschalter betätigt. Ich wiederhole den Vorgang und das Licht bleibt an. Ich schließe die Tür auf. Wir rennen zu dritt ins Feuerwehrhaus zu unseren Spinden.

„Was ist geboten?“ frage ich in die stimmenlose Fahrzeughalle. Keine Antwort.

Ich hole mein Stiefelpäckchen aus dem Spind. Über die Stiefel ist die Überhose gestülpt, die bei Brandeinsätzen Schutz bietet. Ich ziehe meine Stiefel aus, mit denen ich von zu Hause ins Feuerwehrhaus gekommen bin. Ich trete ich in das Päckchen mit der Überhose und ziehe die Überhose hoch. Halt! Ich hatte noch meine Weste an, die ich nun ausziehe und an den Bügel im Spind hänge.

Neben mir zieht sich inzwischen unser Kommandant an: „Müllcontainerbrand in Rot.“

Die Anspannung wird schlagartig geringer. Ich ziehe mir die Hosenträger der Überhose über die Schultern, ziehe die Einsatzjacke an und setze mir den Helm auf den Kopf.

Nebenan liegt das Fax mit der genauen Einsatzbeschreibung und Einsatzstelle. Ein Fahrzeug ist angefordert. Ich nehme das Fax und gebe es unserem Kommandanten. Gemeinsam gehen wir zum angeforderten Löschfahrzeug. Das ist mittlerweile voll besetzt und der Kommandant reicht das Fax an den Fahrzeugchef, einen Zugführer, weiter. Mit einem lauten „Abfahrt“ sendet er sie in die Nacht hinaus. Mein Sohn ist ein Teil der neunköpfigen Löschgruppe.

Die Hektik im Feuerwehrhaus legt sich. Immer noch kommen weitere Kameraden. Nach einer kurzen Information und dem Eintrag in die Anwesenheitsliste gehen die meisten wieder nach Hause.

Ich trage mich auch in die Anwesenheitsliste ein und ergänze diese noch um die Einsatzdetails, wie Zeitpunkt, Ort und Art des Einsatzes. Ich bleibe noch im Feuerwehrhaus und verfolge über den Fahrzeugfunk eines anderen Fahrzeuges, welche Rückmeldungen gegeben werden. „…keine weiteren Kräfte erforderlich“ ist schnell als Rückmeldung von einem Fahrzeug der Berufsfeuerwehr zu hören, das bereits vor Ort ist.

Ich warte auf die Rückkehr unseres ausgerückten Fahrzeuges und meinen Sohn. In aller Ruhe nehme ich den Helm vom Kopf und entledige mich der Einsatzjacke und der Überhose. Es ist kalt. Ich ziehe meine Wollweste wieder an.

Nach einigen Minuten kehrt das Fahrzeug zurück. „Wie weit seid Ihr gekommen?“. „Wir waren vor Ort.“ Ein kurzer Kommentar zum Geschehen. Die ausgerückten Kameraden steigen aus dem Fahrzeug aus und legen ihre Einsatzuniform wieder in ihren Spinden ab. Sie tragen sich in die Anwesenheitsliste ein. Der Zugführer ergänzt die fehlenden Angaben.

Nachdem mein Sohn seine Sachen wieder im Spind untergebracht hat, verabschieden wir uns von den Kameraden mit einem kurzen „Gute Nacht“ und fahren nach Hause.

Es ist kurz nach 3 Uhr als wir wieder zu Hause sind. „Mülleimer, nichts gemacht“ ist der kurze Bericht an die wartende Frau. Ich trinke einen Schluck Mineralwasser und gehe zur Toilette und dann wieder ins Bett. Jetzt sollte ich noch knapp zwei Stunden schlafen. Ich liege zwar ruhig im Bett und meine müde zu sein, aber mit dem Einschlafen will das nicht klappen. Ich döse vor mich hin. Irgendwann muss ich dann doch eingeschlafen sein. Kurz vor 5 Uhr weckt mich der Wecker. Ich stehe auf. Jetzt bin ich müde.

Über 20 Feuerwehrleute opfern wegen eines brennenden Müllcontainers einen Teil ihres Schlafes. Mit der kurzen Zeit des Einsatzes ist es nicht getan. Obwohl keiner unserer Kameraden bei diesem Einsatz feuerwehrtechnisch eingreifen muss und keiner körperlich gefordert ist, hinterlässt der Einsatz Spuren.

Und das alles wegen eines Müllcontainers. Weshalb ist er in Brand geraten? War es Unachtsamkeit, Fahrlässigkeit oder eventuell sogar Vorsatz? Es wird nie geklärt werden können.

Was bleibt sind ein Eintrag in die Statistik, der Eintrag auf der Website und für alle, die dabei waren, einige Stunden fehlender Schlaf. Es war der 15. Einsatz in diesem Jahr. Wie viele werden noch kommen?

Und was das Schönste war: Ich habe keinen gehört, der sich beklagt hat, dass er so unsanft geweckt wurde. Und ich bin sicher: Beim nächsten Alarm sind alle die, die erreichbar sind, wieder da. Egal um welche Uhrzeit.

Das ist Ehrenamt! 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche.

© Hans Dieter Krebs 2010